Gutruns Musikwelt

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Abschied



Er wartet.
Die Flamme der Kerze zuckt noch einmal, Wachs leckt auf den hölzernen Leuchter hinab, dann ein letztes Aufbäumen und der Doch verlischt endgültig.
Er hört ihre Stimmen im Nebenraum.
Sie sprechen über sie.
Wie gut es doch ist, dass sie es nun endlich überstanden hat und dass diese Quälerei nun ein Ende gefunden hat. Und dass die armen Kinder all das miterleben mussten...

Müde wischen seine Finger das heiße Wachs vom Holz des Leuchters und drücken die weiche Masse an der Seite seines Zeigefingers platt.

Und wie lange sie doch leiden musste und ja, ganz sicher ist es besser nach dem Tod. Für sie. Für alle.
Was wissen die schon...

Wißt ihr, wie das ist, wenn man jemanden im Arm hält, der weint und weint, weil er sterben muß? Wißt ihr wie das ist?

Dieses Zittern und Beben im ganzen Körper...
Totale Hilflosigkeit.

Tassengeklapper. Ja, der Kuchen ist lecker. Geradezu schmackhaft! Und was für ein zauberhaftes Wetter draußen...Heute scheint sogar die Sonne!


Das Wachs lässt sich zu kleinen Kügelchen gestalten. Erst drückt man es an den Fingern platt, dann rollt man die amorphe Masse zusammen und formt dann mit den Handballen glatte runde Gebilde daraus. Murmeln.


Er erinnert sich genau an ihre Hände. Mager, fast schon spinnenförmig mit knochigen Gelenken. Und dann immer dieses Zittern... auch dann, wenn ihre flatternden Finger wie um hilflos Halt zu suchen sich an ihr großes Teeglas klammerten bis das Weiß an den Knöcheln hervortrat. Manchmal schwappte dann der Tee fast unmerklich im Gefäß, so, als wollte er verbergen, dass ihr keine Zeit mehr blieb.

Und dass ihr Leben zerrann, direkt hier, vor den Augen der Welt, Minute um Minute, Sekunde für Sekunde...

Eine Träne rinnt ihm aus dem Augenwinkel. Mit einer wütenden Bewegung wischt er die Verräterin von seiner Wange.


Sie war so klein, so fragil. Wie eine von diesen Porzellanpuppen. In den letzten Wochen sah es fast aus, als schrumpfe sie von Tag zu Tag mehr... so als würde man kleiner und kleiner bis die Essenz dessen zurückbleibt, der man eigentlich ist. Eine Art Menschenkern, nur noch begrenzt von Knochen, Haut und Haaren, allein belebt von einer zähen Pumpe, die den Motor am Laufen hält...

Vergeblichkeit auf Raten.
Ein Kampf, den sie nicht gewinnen konnte.

Draußen sprechen sie davon, wie schön sie ausgesehen hat in ihrem letzten Kleid. Auf der Bahre, zwischen all den Blumen. Und wie jung und fast so, als ob sie schliefe...

Vielleicht finden sie Trost in den bunten Worten, die ihnen quasi aus dem Mund quellen. Vielleicht auch nicht. Auch gut.

Er weiß, dass sie nicht gern gegangen ist.
Bullshit.
Sie hat es gehasst!

Sie wollte mehr Sonnenaufgänge. Und –untergänge auch, na klar! Sie wollte mehr Küsse, mehr Sterne und mehr Reisen. Vollmonde am Himmel, das Meer sehen, der Brandung lauschen, Muscheln finden, träumen, solche Dinge... Sie wollte mehr Jahre mit ihren Kindern und mit ihm, gemeinsam die endlosen Tage zählen und noch viel mehr Atemzüge tief inhalieren, unverschämt mehr Leben fordern, weinen, wenn die Kinder, endlich großgeworden, das Haus verlassen...Sich nicht mit den bereits abgezählten letzten Sauerstoff-Einheiten zufriedengeben, nicht mit einem ständig schmaler werdenden Stundenbudget auskommen müssen...


Alle sprachen vom Loslassen. Jeden verdammten Tag. Und wie gut es ist, wenn man sich endlich fügt. In was auch immer.

Scheißjuli.

Und sie dachte auf ihren letzten Metern immer nur daran, weiter durchzuhalten, noch fester am Leben zu hängen, ihrer verzweifelten Wut auf das Wuchern in ihren Eingeweiden Ausdruck zu verleihen.

Sie wollte nicht gehen. Nicht jetzt schon.
Stattdessen lieber den ersten Liebeskummer ihres Ältesten miterleben, die Wut übers mögliche Schulversagen ihres Zweiten aushalten und abends, bevor sie das Licht löscht, ihrem Kleinsten weiter Wange an Wange Bilderbücher vorlesen, leise, vertraut im Zwielicht kuscheln und wispern, ihn irgendwann dann zärtlich küssen, sanft von ihrer vor Liebe schmerzenden Brust lösen und seine schlafenden Kinderaugen ins Traumland wiegen...
Und keine Narben mehr auf ihrem Körper. Quasi jungfräuliche Haut, unberührt, keine Kratzer auf dem Lack.

Wo bitte ist das Leben fair?

Er hat ihre Entschuldigung angenommen. Entschuldigen? Wofür?
Wie erteilt man jemandem die Erlaubnis zum Sterben?
Und warum?
Dabei hatte er einen Deal mit Gott. Ganz ernst gemeint.
Scheiße.
Gott scheint solche Spiele nicht zu mögen.
Der hat sowieso einen seltsamen Sinn für Humor.


Vorbei jetzt. Das ist alles vorbei.
Sie hat ein letztes Mal ausgeatmet und ihn und die Kerle zurückgelassen.
Draußen vor der Tür nennen sie das Frieden.
Den hat sie dann wohl jetzt gefunden. Wie auch immer.
Wenn Frieden so aussieht, dann will er ihn nicht.

Sie sprechen nicht von ihren verzweifelten Schreien nachts in die Kissen, damit niemand ihre Ohnmacht hört, sie wissen nicht von dieser gewaltigen Wut, die ihr die Luft raubt und sie stundenlang atemlos zurücklässt. Solche Dinge hat sie schon immer mit sich selbst ausgemacht. Ganz allein und für sich.
Genauso wie das Warten an einem Ort, bis wieder genug Luft da ist, um weiterzugehen.
Halt suchen in kleinen Dingen. Jeden Schritt zählen. Diese eine Stufe schafft sie noch. Mit Festhalten. Dann irgendwann nicht mehr. Schlafen, aber nur, wenn sie sich auch sicher sein kann, dass sie wieder wach wird und dabei den zunehmenden Druck auf dem Brustkorb einfach ignorieren...

Abschied auf Raten. Und dabei wollte sie nie gehen.
Nicht so.
Nicht jetzt schon.

Ihre Kraft reichte nicht mehr bis zum nächsten Vollmond.
Aus die Maus.
Sie küssen und ihre Tränen fortwischen, versuchen, die Ohnmacht in Worte zu kleiden.
Ihre Hand halten.
Sprachlosigkeiten.
Ich liebe Dich.
Ein letzter Atemzug.
Dann vorbei.
Sie ist so klein, dass er sie unter der großen Decke fast schon nicht mehr ausmachen kann.
Verblichen.
Wie eine alte Rose, die ihre Blätter verloren hat...
Sommermüde.


Die Wachskugel hat eine fast perfekte Form angenommen. Er rollt sie auf seinem Handteller hin und her, spielt mit der glatten Oberfläche, stupst die kleine Behelfsmurmel auf den Tisch, wo sie kullernd, eiernd zum Liegen kommt.
Unperfekte Dinge zu einer schönen Sache machen. Darin war er immer gut.
Schadhaftes ausbessern, bis man es mit bloßem Auge nicht mehr erkennen kann.
Ihre Kratzer hat er nie beseitigen können.
Übersäht von Narben, soweit das Auge blicken konnte.
Seine Piraten-Braut.

Die Erinnerung an ihren selbstgewählten Titel treibt ihm erneut Wasser in die Augen.
Er hätte sie so gern zu seinem besten Werk gemacht!
Ihre Makel mit einem Pinsel und handwerklichem Geschick einfach fortgezaubert.
Retusche und dann liebevoll vergolden...

So gern.

Seine rauhe Faust saust auf den Tisch und zermalmt die kleine, unscheinbare Wachskugel.
Zurück bleibt ein Fleck, der sich mit der Farbe der hölzernen Tischplatte verbindet, bis er mit dem bloßen Auge fast nicht mehr auszumachen ist.

Wachskugeldreck.

Scheißjuli.

Dann steht er auf und öffnet die Tür zum Nebenraum.
Kaffee machen.


 ( gewidmet Elisabeth Christiane und Dietrich Wellmer, geschrieben am
    6. Juli 2010 von Gutrun Wellmer )



Gutrun 07.07.2010, 01.21

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Hanna

Wunderbar geschrieben,wunderbar zu lesen!

vom 12.07.2010, 13.56
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